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Jemand Älteres redete mit einem Jüngeren

Ein neuer Monat ist wie ein neues Leben, nee, leider nicht. Oder zum Glück nicht, denn ein neues Leben könnte ja auch ein schlechteres Leben sein als das alte, das verkennt man nur allzu bereitwillig.

Ich habe gestern versehentlich ein Hotzelzimmer bestellt statt eines Hotelzimmers, mal sehen, was das noch wird.

Der Tag fängt mit der FAZ an und ich weiß nicht, ob das gut ist, teuer ist es auf jeden Fall. Nicht gut ist es vielleicht wegen der zahlreichen Betonköpfe im Politikressort, ob sie nun Kohler, von Altenbockum oder sonst wie heißen, Leute, die sich immer noch im kalten Krieg wähnen, Stalinisten, wenn man so will, von rechts. Heute schreibt Günter Bannas, der nicht zu den Betonköpfen zählt, über die politischen Empfänge in der Bundeshauptstadt Berlin verglichen mit den politischen Empfängen in der seligen Bundeshauptstadt Bonn. Das qualitativ Andere bestehe darin, dass hier, in Berlin, auch „die Leute von Film und Fernsehen” dabei sind, „die von manchen Alteingesessenen der Politik auf schlimme Weise ›Kulturschaffende‹ genannt werden”. Der gute Günter betreibt Sprachkritik und bietet seinerseits die volle Breitseite. Die exemplarischen Akteure dieser den Politikern “fremden und respektlosen Szene” sind (oder waren) für Bannas Udo Lindenberg und Evelyn Künneke, damit wir wissen, worüber wir hier reden. In seiner Betrachtung muss der Autor im Vagen bleiben, denn das Feld ist vermint, und er möchte einerseits investigativ und hübsch respektlos sein, aber andererseits auch seinen verwöhnten Arsch retten. Auf die alten Zeiten bezogen klingt das so:

„Dunkel war es schon geworden, auf dem Sommerfest im Garten der Bremer Landesvertretung. Gespräche hier, Bekanntmachen dort. Jemand Älteres redete mit einem Jüngeren. Warum Rudolf Scharping nicht mehr zum SPD-Vorsitzenden tauge. Wie das Szenario seines politischen Endes organisiert werde. Welche Landtagswahl mit zu erwartender SPD-Niederlage wie im innerparteilichen Kampf instrumentalisiert werde. Welche scheinbar sachlichen Parteitagsanträge in Wirklichkeit welche personalpolitische Bedeutung hätten. Zwischen welchen Bezirksführungen die Kampfbündnisse geschmiedet würden. Von einer ›Nacht der langen Messer‹ sprach der Ältere. Der Jüngere staunte und begann, Wasser statt Wein zu trinken.”

Und heute ist es eben so:

„Empfänge und Politik, Arbeit und Vergnügen. Andrea Nahles, die … historisch gebildete Literaturwissenschaftlerin ist, hat dafür einmal den Begriff der Hofberichterstattung gefunden. Wie jetzt im demokratischen Wettstreit der Parteien und Fraktionen, so habe es einst an Höfen von Kaisern und Königen Intrigen und Kämpfe konkurrierender Familien- und sonstiger Stämme gegeben – ausgetragen mal mit offenem Visier und manchmal eben auch, und sei das in scheinbarer Öffentlichkeit, im Dunkel von Empfängen. Veranstaltungen sind das, die Fernstehende einst Lustbarkeiten nannten. Früher in Wien wurde gesagt: ›Der Kongress tanzt.‹ Heutzutage in Berlin ist von Politpartys zu sprechen.”

Schön allgemein ist das alles. Das Wort Hofberichterstattung für so was kannte ich allerdings schon, als Andrea Nahles noch gar nicht geboren war. Und dann wurde sie geboren und hat das Wort gleich noch mal erfunden. Wie in der Politik und bei der FAZ und überhaupt das Fahrrad nicht nur noch ein Mal, sondern noch einige hundert Male erfunden wird.

Kategorien:Presseschau
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